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China und sein Geld
Ein alternatives Währungssystem
Kauri, Spaten-, Messermünzen
Als irgendwann um die Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert im Abendland
die Münze erfunden wurde, da kannte man in China
schon längst Objekte, die als Geld dienten. Sie waren allerdings
nicht wie im Westen aus edlem Metall. Stattdessen benutzte man seit
dem 11. Jahrhundert v. Chr. das Gehäuse der Kaurischnecke,
um damit zu zahlen. Wir kennen sogar Preise aus dieser Zeit. Auf
einem wertvollen Bronzegefäß liest man, daß Huan,
Graf von Ju die Vase für 14 Schnüre mit je 10 Kauris,
also für insgesamt 140 Kauris anfertigen ließ.
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China.
Imitation einer Kaurischnecke aus Knochen.
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China.
Reich der Chu, Ameisen-Nasen-Münze,
4./3. Jh. v. Chr., Stilisierte Form einer Bronze-Kauri
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Kauris waren also wertvoll. Sie mußten von den Küsten
des ostchinesischen Meeres ins Landesinnere geschafft werden und
waren viel zu teuer, um damit einen Brauch zu erfüllen, den
Chinesen heute noch pflegen. Wenn es darum ging, die Gräber
der Verstorbenen mit Opfergaben auszustatten, griff man lieber auf
Kauri-Nachahmungen zurück: aus Knochen und Perlmutt geschnitzt
oder aus Bronze, Silber und Gold gegossen.
Irgendwann geschah dann der entscheidende Schritt: Nicht nur die
Kauris der Toten, auch die Kauris der Lebenden wurden wohl im 8.
Jahrhundert aus Bronze gegossen. Damit war die Wirtschaft für
ihr Geld nicht mehr vom Kaurinachschub abhängig, sondern konnte
sich ihre eigenen Kauris selbst herstellen.
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China.
Reich der Zhou, Spatenmünze, 4. Jh. v. Chr. |
Während im Norden Chinas die Wirtschaft auf diesen Kauris
basierte, entstand im Zentrum, in der Ebene des Gelben Flusses eine
andere Form von Geld. Dort lebten Bauern. Ihr Tagesablauf kreiste
um die Felder und ihre Bestellung, kein Wunder, daß der Spaten
zu einem wichtigen Tauschmittel wurde. Erst, etwa um 1000 v. Chr.,
mögen es echte Spaten gewesen sein, im 8. Jahrhundert aber
also gleichzeitig mit der Herstellung der bronzenen Kauris,
ging man zu Schrumpfformen über, die ausschließlich als
Geld dienten. Sie waren kleiner und weniger stabil als echte Spaten,
konnten natürlich nicht mehr zum Graben eingesetzt werden,
erfüllten ihre Geldfunktion deswegen aber nicht schlechter.
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China.
Reich der Qi, Messermünze, 4. Jh. v. Chr. |
Doch nicht nur Spaten wurden als Geld benutzt, im Norden und Nordosten,
dem Land der Jäger und Nomaden, hatte sich aus dem dort wichtigsten
Tauschmittel eine dritte Geldform herausgebildet, das Messergeld.
Kauris, Spaten und Messer kursierten nebeneinander bis sich wohl
im
3. Jahrhundert v. Chr. eine völlig neue Geldform durchsetzte.
Käsch ist cash
China. Qin-Dynastie. Kaiser Qin Shihuangdi (221-210 v. Chr.), Banliang
(= im Gewicht eines halben Liang) oder wie wir heute sagen
würden Käsch.
Traditionell wird die Einführung der ersten Käschs im
chinesischen Gewicht von einem halben Liang (ungefähr 8 g)
dem großen Kaiser Qin Shihuangdi (221-210 v. Chr.) zugeschrieben,
dessen Grab in Xian von den berühmten Terrakottakriegern
bewacht wird. Allerdings tendiert die traditionelle chinesische
Geschichtsschreibung dazu, alle großen Einigungsbewegungen
auf diesen bedeutenden Herrscher zurückzuführen, so daß
wir eher dem archäologischen Befund vertrauen dürfen,
der die ersten Käsch auf das Ende der Zeit der Streitenden
Reiche datiert (453-221 v. Chr.).
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China.
Qing-Dynastie. Kaiser Puyi (1875-1908), Käsch. |
Ein Käsch ist eine runde Bronzemünze mit einem eckigen
Loch, die Schriftzeichen trägt, welche Gewicht und / oder ausgebende
Instanz angeben. Diese Münze war ein perfektes Symbol der kaiserlichen
Autorität. Beide Münze und Kaiser verbanden
Himmel und Erde, yin und yang. Den Himmel dachten sich die chinesischen
Philosophen als eine Art Kuppel, vereinfacht als Kreis, die Erde
dagegen verkörperte sich im Quadrat. Aufgabe des Kaisers war
es, durch seine Gesetze den Frieden zwischen Himmel und Erde herzustellen
und für die Erde vom himmlischen Kaiser gute Ernten und Wohlstand
zu erbitten. Das zentrale Heiligtum Chinas, der Himmelstempel, war
ein Rundbau in einem quadratischen Hof und die kaiserlichen
Münzen nehmen diesen Symbolismus auf: Sie sind rund mit einem
quadratischen Loch. So spiegelt sich die chinesische Weltanschauung
in den Käsch, die bis ins 19. Jahrhundert Chinas wichtigstes
Geld darstellten. Diese Münzen waren genau wie unser heutiges
Geld, eine Fiat-Währung, also ein Tauschmittel,
das keine Deckung durch Edelmetall besitzt, sondern lediglich aus
gemeinsamer Konvention Geldwert besitzt. Der Staat schrieb per Gesetz
vor wir wissen dies aus einer Gesetzessammlung, die 1975
in dem Grab eines Zeitgenossen des Qin Shihuangdi gefunden wurde
, daß niemand die Münzen wegen zu geringem Gewicht
zurückweisen durfte, und das obwohl nebeneinander Stücke
von 2 bis zu 11 g kursierten.
Zuletzt noch ein Wort zur Bezeichnung Käsch. Die stammt nicht,
wie man meinen möchte, aus China, sondern aus Indien, wo das
Wort karsha Bronzemünze bedeutete.
Münzherstellung und Geldbaum
Die Käsch wurden nicht wie die westlichen
Münzen geprägt, sondern in verlorener Form gegossen. Dazu
fertigte zunächst ein bedeutender Kaligraph den Entwurf der
neuen Münze, die ja nicht mit einer bildlichen Darstellung
geschmückt war, sondern ausschließlich mit Schriftzeichen.
In manchen Fällen soll sich der Kaiser sogar persönlich
als Münzdesigner betätigt haben. Wenn das Modell von offizieller
Seite genehmigt worden war, schnitzte man es in Holz, Knochen oder
Elfenbein. Dies diente als Ausgangsmaterial für die erste Gußform,
mit der man die so genannten Ahnenmünzen erstellte. Sie waren
die Urtypen, die Stücke, von denen jede weitere Münze
der Emission abstammte. Folglich mußten sie sorgsam überarbeitet
werden.
Von den Ahnenmünzen wurden neue Gußformen
angefertigt mit denen Muttermünzen hergestellt
wurden. Diese Muttermünzen wurden in die lokalen
Ateliers in ganz China versandt, um damit wiederum Gußformen
herzustellen, mit denen die Umlaufmünzen fabriziert wurden.
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China.
Qing-Dynastie. Kaiser Puyi (1875-1908), Käsch.
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China.
Qing-Dynastie. Kaiser Puyi (1875-1908), Käsch.
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Diese Gußformen bestanden aus übereinander gestapelten
Tonplatten, in die jeweils mehrere Münzformen eingedrückt
waren, die ein Gußkanal verband. Damit konnten in einem einzigen
Guß viele Münzen hergestellt werden, die durch einen
feinen Steg des erstarrten Metalls verbunden waren. So entstand
das Urbild des chinesischen Geldbaums, Symbol für Glück
und Reichtum, der bei jedem Begräbnis mitgetragen wurde, um
dem Toten auch für das Jenseits Reichtum zu garantieren.
Übrigens erzeugten nicht nur staatliche Münzstätten
Käsch. In Gegenden, wo Münzen knapp waren, benutzten Privatleute
umgelaufene Stücke, um nach demselben Verfahren Käsch
herzustellen, die auf dem Markt übrigens genauso angenommen
wurden wie die kaiserlich sanktionierten Stücke.
Diese Massenproduktion war nötig, um die gewaltige Menge von
Münzen zu erzeugen, die China brauchte. Schließlich war
ein einzelner Käsch kaum etwas wert. Zahlte man während
der Han Dynastie (206 v. Chr. 220 n. Chr.) noch 4.500 Käsch
für ein Pferd, kostete es zur Zeit der Tang Dynastie im 7.
Jahrhundert schon 25.000 Käsch, während der Mongolenherrschaft
des 13. Jahrhunderts stieg es gar auf 90.000 Käsch und
das für ein einziges Pferd. Die Münzen wurden zu 1000
auf Schnüre gefädelt oder in gesiegelte Tongefäße
abgefüllt.
Silber, Gold und Seide
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China.
Qing-Dynastie (1644-1911),
Silberbarren zu 10 Liang. |
Erst die Eroberung Chinas durch die Tschurtschen
der Jin-Dynastie (1115-1234) und die Mongolen der Yuan Dynastie
(1206-1368) brachte neues ökonomisches Gedankengut. Beide Völker
stammten aus einem Gebiet, das die westliche Silberwährung
kannte, in der die Münze ausschließlich nach ihrem Metallwert
beurteilt wurde. So entstand in China eine zweite Währung,
Silberbarren, die von privaten Goldschmieden hergestellt wurden.
Ihnen war per Gesetz vorgeschrieben, jeden Barren genau zu kennzeichnen,
da der Staat sie streng bestrafte, wenn Gewicht oder Feingehalt
nicht mit dem übereinstimmte, was auf dem Barren angegeben
war.
Diese Barren kursierten zusammen mit genau normierten Seidenstoffen
und Getreide als eine zusätzliche Währung, in der größere
Summen, aber auch die Steuern bezahlt werden konnten.
Das Papiergeld wird erfunden
Um auf ihren Handelsreisen
nicht große Mengen Geld mit sich führen zu müssen,
kamen einige chinesische Kaufleute wohl um die Wende vom 8. zum
9. Jahrhundert auf die Idee, bei der heimischen Kaufmannsgilde einen
bestimmten Betrag in Silber einzuzahlen, für den ein Beleg
ausgestellt wurde, der nur in der Partner-Gilde vorgelegt zu werden
brauchte, um wieder Bargeld zu erhalten. 841 verbot die Regierung
diese Praxis. Sie wollte selbst das Monopol, Geldscheine auszugeben.
So entstand unter Kaiser Zhenzong (997-1022) das erste staatliche
Papiergeld der Welt.
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China.
Ming-Dynastie. Kaiser Tai Zu (1368-1398), Banknote zu 1000
Käsch.
Deutlich erkennbar ist der Wert dieser Banknote durch die
darauf abgebildeten
10 Geldschnüre mit je 100 Käsch.
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Ihre erste Blüte erlebte das chinesische Papiergeld unter
den Mongolen. Der Reisende Marco Polo berichtete darüber folgendes:
Wenn diese Papiere so lange im Umlauf waren, daß sie
zerrissen und zerlumpt aussahen, dann brachte man sie zur Münzstätte
und wechselte sie in neue, frische Scheine und zahlte dafür
eine Gebühr von 3 %. Wenn ein Mann Gold oder Silber kaufen
will, um daraus ein Tischservice zu machen oder einen Gürtel
oder anderen Schmuck, dann geht er mit einigen Papieren zur Münzstätte
des Khans und gibt sie als Bezahlung für das Gold und das Silber,
das er vom Münzmeister kauft. Die gesamte Armee des Khans wird
mit dieser Art Geld bezahlt.
Der Westen nimmt Einfluß
Seit dem 16. Jahrhundert versuchten westliche
Kaufleute, Handelsverbindungen mit China aufzubauen. Zu verführerisch
waren die Waren, die seit Jahrhunderten in relativ geringen Mengen
über die Seidenstraße transportiert worden waren. Da
gab es den Tee, der sich spätestens seit dem 17. Jahrhundert
in England zu einem Modegetränk entwickelte. Dann natürlich
die Seide und all die anderen kostbaren Objekte des Kunsthandwerks,
die europäische Handwerker mit mehr oder weniger Geschick nachzuahmen
versuchten.
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Spanien.
Real de a ocho von 1808
mit chinesischen Gegenstempeln. |
Europa hatte dagegen nichts, was die Chinesen wirklich brauchten.
So verlangten sie Silber für ihre Waren. Vor allem spanische
Münzen zirkulierten als eine Art Minibarren in
China. Der Abfluß des europäischen (bzw. vielmehr südamerikanischen)
Silbers beunruhigte die verschiedenen Regierungen und so suchte
man nach einer Ware, mit der man einen wesentlich lukrativeren Dreieckshandel
betreiben könnte. Die Engländer fanden sie im Opium: Sie
brachten billige Baumwollgewebe nach Indien, tauschten diese dort
gegen Opium, um dafür in China den in England so begehrten
Tee einzuhandeln. Das Resultat waren die beiden Opiumkriege, in
denen England China zwang, die Droge offiziell zu importieren. Dem
chinesischen Kaiser blieb nichts anderes übrig, als sich dem
westlichen Druck zu fügen.
Heute
Mit den Opiumkriegen war China völlig unter
den Einfluß von Europa geraten. Und so setzte sich auch das
westliche Geldsystem durch. Unter Puyi, dem letzten Kaiser, wurden
die ersten Münzen im westlichen Stil geprägt. Dies geschah
nach 1889, als in Kanton eine Münzstätte mit Prägemaschinen
aus Birmingham eingerichtet wurde.
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China.
Quing-Dynastie. Kaiser Puyi (1875-1908), Drachendollar 1889.
Eine der ersten chinesischen Münzen im westlichen
Stil aber noch ohne Porträt.
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Heute ist China völlig in das westliche Währungssystem
integriert. Selbst das menschliche Porträt, das erst mit Sun
Yat-sen (1866-1925), dem ersten Präsidenten der Republik China
Eingang in die chinesische Münzprägung fand, ist kein
Tabu mehr. Auch wenn natürlich in Europa der Panda zum Inbegriff
des chinesischen Münzbilds wurde. Im Alltag zahlt man in Renmimbi
(= Volkswährung), die Einheit ist der Yuan zu 100 Fen. Den
Sammler werden aber die vielen schönen Gedenkausgaben der chinesischen
Münzstätten mehr interessieren, die uns in numismatischer
Form mit Vergangenheit und Gegenwart dieses einzigartigen Volkes
bekannt machen.
Ursula Kampmann
Für die Abbildungen danken wir
dem MoneyMuseum, Zürich
www.moneymuseum.com
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